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Popchor: Workshop mit Carsten Gerlitz

Für unsere Konzeptkonzerte verwenden wir im Heart Chor sehr gerne eigene Arrangements, weil es für passende Stücke entweder noch keine Chornoten gibt oder die vorhandenen Arrangements nicht zu unserem Chor passen. Chorleiter und Arrangeur Carsten Gerlitz kennt diese Situation nur zu gut. Als er in den 80-er Jahren Popmusik mit seinem Berliner Chor, den Happy Disharmonists, singen wollte, war dieses Genre in der Vokalmusikszene noch völlig unerschlossen. Noten gab es keine zu kaufen. So musste er alle Stücke selber arrangieren.

Am 11. März 2017 besuchte er uns in Regensburg und ließ uns in einem Workshop an seiner langjährigen Erfahrung mit Popgesang, Konzerten, Texten und Noten teilhaben.

Artikulation und Phrasierung

In vielerlei Hinsicht unterscheidet sich Popgesang vom klassischen Singen. In der Popmusik kommt es besonders darauf an, wie Text gesungen wird. Ansetzen, Betonung, Artikulation, Absprechen: hierbei sollten sich die Sänger an der gesprochenen Sprache orientieren, wo die Kernaussagen einer Phrase betont, die restlichen Worte aber zurückhaltender artikuliert werden. Dies verdeutlichte Carsten Gerlitz bereits beim ersten Lied des Tages, „Wunder geschehen“ von Nena. Ein auf den ersten Blick einfaches Stück, das sich aber wunderbar eignete, um alles Wesentliche zu verdeutlichen, wie z.B.: Gleich mit der ersten Note einer Phrase voll da sein (Glottisschlag), Anfangskonsonanten nicht "nuscheln" sondern hörbar machen und vorne ansetzen (Wunder), keine Endsilben betonen und Vokale nicht künstlich in die Länge ziehen (glaub'n eher als glaubän), Schlusskonsonanten nicht unnatürlich hart artikulieren (besonders das t), bei langen Noten den Ton gestalten und nicht einfach draufbleiben. Grundsätzlich ist es wichtig, keine dunklen Vokale zu singen, sondern sie hell und offen zu halten und nach vorne – „in die Maske“ –  zu singen. Frech und direkt, statt getragen und  verhalten.

Carsten Gerlitz brachte die Teilnehmer*innen mit aussagekräftigen Bildern und vielen Sprechübungen dazu, das Gelernte ausgiebig zu proben und umzusetzen. Bei aller Professionalität tat er das mit viel Witz und Esprit.

Präsenz und Glaubwürdigkeit

Der typische, gewohnte Chorklang, der sich leicht immer wieder einschleicht, führt laut Carsten Gerlitz dazu, dass ein Song aufgesetzt und einstudiert wirkt. Wenn aber die Aspekte des Text-Singens berücksichtigt werden, wird die Botschaft eines Stücks glaubwürdig und authentisch. Hierher gehören natürlich auch die wichtigen Elemente der Bühnenpräsenz: die Sänger*innen müssen mit dem Blick beim Publikum sein und nicht beim Dirigenten. Sie sollten sich stets bewusst machen, dass sie eine Geschichte erzählen, sich mit einer Botschaft an ihr Publikum wenden wollen – und dass sie dies für ihr Leben gern tun und Spaß dabei haben.

Insgesamt probten wir an diesem Tag vier neue Stücke ein. Carsten ließ dem Chor dabei viel Raum, sich die Lieder eigenständig vom Notenblatt zu erschließen. Freude und Echtheit beim Singen stellen sich auch ein, wenn Sänger*innen selbst herausfinden dürfen, wie ein Stück funktioniert und der Chorleiter nicht jedes einzelne Detail vorgibt. „Schwimmen“ war hier das ganz positiv gemeinte Stichwort. Bei seinem Chorsatz von „Can you feel the love tonight“ beschloss er kurzerhand, dass es ja eigentlich viel cooler wäre, die Tenöre würden sich die Melodie solistisch aufteilen. Etwas überrumpelt fanden sich unsere Männer neben dem Klavier umgeben von einem Kreis aus Begleitstimmen wieder und probierten mutig ihre Soloparts aus.

 

 

Der Workshop wurde so sehr intensiv und arbeitsreich und hat allen Beteiligten viel Freude gemacht und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten gegeben. Darüber hinaus erhielten wir von Carsten viele wertvolle Tipps zur Gestaltung von Probenarbeit und Konzerten.

Mit den Worten, dass Chorgesang immer dann überzeugend wird, wenn alle Sänger*innen präsent sind und jede und jeder Einzelne den Liedern ein Stück von sich selbst schenkt, entließ Carsten die über 40 Teilnehmer*innen in den Abend.