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"Da hält der Zug. Und alle steigen aus; sie such, die Wurzellosen, eine Heimat in der Heimat der Stadt, die schon eine Heimat ist: für die anderen. In wieviel Städte werden wir noch einfahren-?" (Tucholsky, "Einfahrt" 8)

 

Zug- und Bahnhofsszenen sind in unser kulturelles Gedächtnis eingebrannt, sie finden sich in einer Vielfältigkeit in Filmen und Literatur wieder, wie es sich das Flugzeug und der Flughafen nur erträumen können. Das mag zum einen daran liegen, dass Fliegen mit Schnelligkeit verbunden ist, und es wenig Zeit gibt, eine Handlung zu entspinnen, außer man dehnt sie, wie in Inception, künstlich aus. Selbst ein Langstreckenflug würde sich schwer dazu eignen einen Mord im Orientexpress zu klären. Zum anderen ist der Bahnhof oft ein architektonisches Kunstwerk, nahe dem Zentrum einer Stadt, und die Gleise durchziehen die Landschaften dieser Erde und machen den Zug somit zum Teil von ihr: Gandhi durchquert Indien, Harry Potter fährt von London King's Cross aus in die magische Welt Hogwarts, Sullivan lernt bei seinen Reisen als Landstreicher das wahre Amerika kennen.

Dabei waren die Anfänge der Eisenbahn nicht nur positiv, die Technik wurde skeptisch gesehen, einige fürchteten die Konsequenzen der Landerschließung, und der Eisenbahnbau selbst  ging in vielen Ländern mit Zwangsarbeit und Landenteignung einher. Heute ist die Bahn im Gespräch meist Anlass zu Witzen – im Alltag ist von einem Mythos Bahnhof und Zug wenig zu spüren. In vielen Orten findet man nur noch einen "kaputten beleidigten Bahnhof" (Özdama 57), das Globale hat das Regionale längst ersetzt. Trotzdem gibt es ihn – den Mythos Bahnhof. Die Zugeinfahrt bedeutet den Beginn einer Handlung, das Warten ist aufgeladene Spannung, der Aufbruch geht in das Abenteuer!

Die klassischen Bahnhofsszenen von Ankunft und Abschied, von Warten und Wiedersehen sind große und kleine Momente im Leben, aber immer mit starken Emotionen aufgeladen. Vielleicht hat auch dies zu der langen Tradition von Gewalt und naturalistischer Determiniertheit am Bahnhof geführt: ob nun ein Mord in Zolas Die Bestie im Mensch, der berühmte Selbstmord der Anna Karenina oder auch ein kleiner Junge der seine Schwester vor den Zug stösst in "Don't Let Go" – Der Bahnhof ist nicht notwendigerweise ein Ort des Glücks. Im Bezug auf den "historischen" Bahnhof kommt man nicht umhin, auch über die Transporte in die Konzentrationslager nachzudenken. Peter Weiss stellt in seinem Text "Gesang von der Rampe I" dar, wie jeder zum Mittäter werden kann. Die Bahnhoflieder besingen dies nicht – denn wie könnten wir dem Thema gerecht werden, oder es gar wieder in Wohlgefallen auflösen?

Aber vieles, dass mit der Zeit des Nationalsozialismus und Krieg verbunden ist, klingt in den Bahnhofsliedern an: ein Abschied ins Exil, die Flucht aus diesem Wahnsinn, wie sie Friedrich Holländer erlebt hat, aber auch der Abschied eines Soldaten in den Krieg.

Den Bahnhofsliedern geht es vor allem um den Bahnhof als Ort des Menschseins.  – Was bewegt uns? Wohin gehören will? Was wollen wir? – Wir besingen den Bahnhof, nicht den Zug, denn der Zug steht bereits  für Bewegung in eine Richtung, der Bahnhof dagegen ist eine Momentaufnahme der Conditio Humana.

 "Übrigens geht da der Bahnhofsvorsteher. {...} Er sieht und hört nichts von den Taschentuchleuten und nichts von den Weinenden. {...} Ist das ein abgehärteter Mann. Hat er denn gar keine Augen? Er sieht das ganze zwanzigmal. Er sieht es nicht mehr." (Tucholsky, "Der Bahnhofsvorsteher", 31)

Wir wollen einen Blick auf die Szenen am Bahnhof werfen, die scheinbar alltäglich sind, und in denen doch soviel mehr steckt. Wir knüpfen an unser kulturelles Gedächtnis an. Wer einmal Claudia Cardinale in Spiel mir das Lied vom Tod über die Gleise hat schreiten sehen weiß: Hier beginnt das Abenteuer. Ob Western, Krimi oder Actionfilm – das Zugsetting wird variiert, mythisiert und vor allem zitiert. Die Abfahrt oder Ankunft am Bahnhof steht oft für den Aufbruch in ein neues Leben, auch wenn das wie in Alice Munros "Himmel und Hölle" erst mal ein durch eine "geschlossene Wartehalle {...} und einem heruntergezogenen Rollladen vor dem Fenster des Fahrkartenschalters" (73) repräsentiertes Nichts ist. In Der gefrorene Rabbi steht die Zugfahrt gar für "die Fortsetzung eines Trecks, der in Ägypten begonnen hatte und danach durch Jerusalem und Sepharad  weiter nach Osteuropa zog, wo er für ein kurzes Jahrtausend innehielt." (141) Die jüdische Diaspora erfährt in diesem Roman mit der Einreise nach Amerika einen neuen Abschnitt, und steht stellvertretend für die vielen, die mit dem Zug und später dem Schiff in ein unbekanntes neues Leben aufgebrochen sind, ob nun durch äußere Zwänge oder schiere Abenteuerlust bedingt.

Denn nicht jeder will oder kann sich dort verorten, wo seine Heimat sein soll. So stellt von Eichendorff scharfsinnig fest, "Die Leute wussten genau, in welcher Stunde und Minute ich, {...} wohin ich wollte, sein könne, über {...} wohin ich eben wollte, konnte ich nichts Gewisses erfahren." (16 f.). Der Bahnhof kann eben vieles repräsentieren: die Möglichkeit ins Abenteuer aufzubrechen, aber auch den Beginn einer Heimkehr. Der Abschied kann dementsprechend hoffnungsfroh oder traurig sein. Der Zurückbleibende hat vielleicht seine Heimat schon gefunden, oder er weiß noch nicht, wo sie ist: "Vielleicht war ich für immer auf dem Bahnhof geblieben, um fremde Züge zu verabschieden." (Amlinski 169) Der Bahnhof steht in den Bahnhofsliedern besonders für die Problematik der Verortung – ein Thema, das in der Postmoderne für den globalen, flexibilisierten Menschen immer bestimmender wird. Paare, die Fernbeziehungen leben, pendelnde Geschäftsmänner, von Verspätungen und Verwirrungen geplagte Reisende – sie alle gehören zu unserem Alltag und zu den Bahnhofsliedern

Vieles hätte man aus dem Thema Bahnhof machen können, viele Ideen sind gekommen und gegangen – die Unmengen an gesammelten Zug- und Bahnhofsliedern und –texten sind unsere Zeugen. Wir hoffen, unsere Auswahl berührt und unterhält Sie. Uns ging es (gespürt) vor allem immer wieder so wie dem kleinen Mädchen, das am Ende des "Umsteigebahnhofs" doch nicht davon läuft:

 "Man kann die schwerste Entscheidung seines Lebens treffen, es kann sich alles für immer ändern, und keiner merkt etwas davon." (Ohnemus 78)

Filme:

Gandhi. (1982). R. Attenborough.

Harry Potter und der Stein der Weisen. (2001). C. Columbus.

Inception. (2010) C. Nolan.

Spiel mir das Lied vom Tod. (1968). S. Leone.

Sullivan's Travels. (1941). P.Sturges.

Literatur:

Amlinski, Wladimir. "Musik auf dem Bahnhof". Musik auf dem Bahnhof. Berlin: Verlag Kultur und Fortschritt, 1964. 147-170.

Christie, Agatha. Mord im Orientexpress. Frankfurt a. M.: Fischer TB, 2011.

Eichendorf, Joseph von. "Der letzte Romantiker." Bahnhofsgeschichten. Geschichten von Ankunft und Abschied. Leis, Mario (Hsg). Frankfurt a.M.: Insel TB, 2003. 15 f.

Munro, Alice. „Hasst er mich?“. Himmel und Hölle. Frankfurt a. M.: Fischer TB, 2007. 11-96.

Ohnemus, Günther. "Umsteigebahnhof." Bahnhofsgeschichten. Geschichten von Ankunft und Abschied. Leis, Mario (Hsg). Frankfurt a.M.: Insel TB, 2003. 77 f.

Özdamar, Emine Sevgi. "Die Brücke vom goldenen Horn." In: Künzli, Lis. (Hsg) Bahnhöfe. Ein literarischer Führer. Berlin: Eichborn, 2007. 57.

Stern, Steve. Der gefrorene Rabbi. München: Blessing, 2010.

Tolstoi, Lew. Anna Karenina. Köln: Anacoda, 2010.

Tucholsky, Kurt. "Einfahrt" und "Der Bahnhofsvorsteher“. Kleine Geschichten. Urheberrechtsfreie Ausgabe. Kindle Edition. 2011.

Watts, Marilyn. "Don't Let Go". The Young Oxford Books of Trainstories.Hamley, Dennis (Hsg.). Oxford UP, 2001. 12-20.

Weiss, Peter. "Gesang von der Rampe I". Bahnhofsgeschichten. Geschichten von Ankunft und Abschied. Leis, Mario (Hsg). Frankfurt a.M.: Insel TB, 2003. 180-185.

Zola, Emil. Die Bestie im Menschen. Hamburg: tredition, 2011.

Weitere Verweise:

Herzog, Markwart und Mario Leis (Hsg.). Der Bahnhof: Basilika der Moderne – Erlebniswelt der Moderne. Stuttgart: Verlag W. Kohlhammer, 2010.

Simmons, Jack (Hsg.). Railways. An Anthology. London: Collins, 1991.